Zwischen Kunst und Glaube

Eine Ausstellungsbesprechung aus biltheologischer Perspektive

Michael Buthe: Der Engel und sein Schatten, 1974, Mischtechnik auf Papier, auf Gewebe aufgezogen, 250 x 370 cm, Sammlung Rosenstiel, Köln.

Michael Buthe: Der Engel und sein Schatten, 1974, Mischtechnik auf Papier, auf Gewebe aufgezogen, 250 x 370 cm, Sammlung Rosenstiel, Köln.

© Sammlung Rosenstiel, Köln / VG Bild-Kunst, Bonn, 2019 | © Foto: Friedrich Rosenstiel

Die Draiflessen Collection ist ein gemeinnütziges und für die Öffentlichkeit zugängliches, in hohem Maße barrierefreies Ausstellungshaus und Kunstmuseum in Mettingen – einer Kleinstadt im Kreis Steinfurt zwischen Osnabrück und Rheine. Sie wurde 2009 von der Unternehmerfamilie Brenninkmeijer (u. a. C & A Mode) gegründet und mit der repräsentativen Ausstellung Credo. Meisterwerke der Glaubenskunst (06.10.2010-09.01.2011) eingeweiht. Seitdem finden dort regelmäßig Ausstellungen zu gesellschaftlich relevanten Themen statt, von denen einige sich auf explizit religiöse Hintergründe beziehen.

Die Ausstellungen werden mit dem Anspruch präsentiert, Themen zugleich künstlerisch als auch wissenschaftlich zu beleuchten. Dazu unterhält die Draiflessen Collection eine eigene Wissenschaftsabteilung mit aktuell sieben MitarbeiterInnen. Darüber hinaus bietet das Haus ein umfangreiches museumspädagogisches Begleitprogramm zu seinen Ausstellungen an, dessen Formate auf verschiedene Zielgruppen aus dem Umkreis der Kleinstadt zugeschnitten sind.

Geleitet wird die Draiflessen Collection von Dr. Corinna Otto, die auch Ideengeberin des neusten Ausstellungskonzepts ist. In einer Ausstellungstrilogie widmen sich drei Kuratorinnen aus dem Wissenschaftsteam des Hauses in drei aufeinanderfolgenden Einzelausstellungen den Themen Glaube (19.05.-18.08.2019), Liebe (13.10.2019-26.01.2020) und Hoffnung (22.03.-21.06.2020).

Der christlich geprägte Dreiklang Glaube, Liebe, Hoffnung ist zugleich Herausforderung und Garant für den inhaltlichen Zusammenhang der drei Ausstellungen. Auf seiner Basis haben die Kuratorinnnen Andrea Kambartel, Olesja Nein und Dr. Barbara Segelken gemeinsam mit der Ideengeberin ein übergreifendes Konzept für die drei Ausstellungen erarbeitet. Sie orientieren sich an der Gattung Essay –

„das heißt, sie sind offen gestaltet, reflektieren die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit der Kunst, ohne die Exponate dabei voneinander zu isolieren. […] Es gibt keine bestimmte Abfolge zu berücksichtigen, keine vorgegebene Erzählung zu befolgen. Wie der Essay, so sind auch die Ausstellungen ähnlich einer Versuchsanordnung ergebnisoffen konzipiert.“1SEGELKEN, BARBARA: Zur Trilogie Glaube, Liebe, Hoffnung und zur Auftaktausstellung Glaube, in: Draiflessen Collection (Hg.): Glaube – Faith – Geloof. Mettingen 2019, 1. Katalogteil, S. 17-28, hier 21.

Die aktuelle Ausstellung der Draiflessen Collection in Mettingen trägt den Titel Glaube und wird vom 19.05. bis zum 18.08.2019 gezeigt. Sie umfasst acht Kunstwerke verschiedener Gattungen (Malerei, Plastik, Fotografie, Installation) aus dem 20. und frühen 21. Jahrhundert. Mit ihrer Werkauswahl will die Ausstellung keine Antworten zum Thema Glaube bereitstellen – sie will vielmehr einen Teil der verschiedenen Facetten von Glaube auffächern. Die BesucherInnen sollen an den Kunstwerken in der Ausstellung eigene Entdeckungen machen können, die ihr Verständnis von Glaube irritieren, erweitern oder bestätigen. Der Ansatz sind die ganz individuellen Antworten der einzelnen BesucherInnen auf die Frage „Was glaubst du?“. Jede ihrer Entdeckungen an den Kunstwerken darf deshalb auch anders sein und soll gleichwertig neben einer anderen bestehen dürfen.2Vgl. OTTO, CORINNA / BRENNINKMEIJER, MARTIN RUDOLF: Zur Trilogie Glaube, Liebe, Hoffnung und zur Auftaktausstellung Glaube, in: Draiflessen Collection (Hg.): Glaube – Faith – Geloof. Mettingen 2019, 1. Katalogteil, S. 5-7.

Das Ausstellungskonzept nutzt die Möglichkeit des Hauses, die Raumgliederung der zusammenhängenden Ausstellungsfläche der Draiflessen Collection offen und frei zu strukturieren. Sie kann je nach Anforderungen des jeweiligen Ausstellungsprojektes variabel durch verschiedene Wandelemente gegliedert werden. Dem Ausstellungsbereich ist im Fall der Ausstellung Glaube eine Art Vorraum vorgelagert, den die BesucherInnen vom Empfang aus über eine große Treppe erreichen. Dem Treppenaufgang frontal gegenüber steht dort eine Wand, über die ein Projektor in drei Sprachen (deutsch, englisch, niederländisch) Daten zur Ausstellungstrilogie oder auch Assoziationsbegriffe zum Thema Glaube laufen lässt.3Wandprojektion: Edwin Bartnik, zone4, 2019. Minimalistische Bänke und große Sitzsäcke definieren den Raum als Versammlungsraum, der sich besonders für große Gruppen wie Schulklassen als Ort zur inhaltlichen Vorbereitung auf die Ausstellung eignet.

Von diesem Vorraum aus können BesucherInnen links und rechts von der Projektionswand einen Gang betreten, der um die Ausstellungsfläche herum angelegt ist. Von hier aus gibt es verschiedene Durchgänge, die in die Ausstellung hinein führen. Die Ausstellungsfläche wird von den räumlichen Bereichen in Vorraum und Umgang durch einen farbigen Bodenbelag deutlich unterschieden. Der Ausstellung Glaube wurde die Farbe Petrol zugeordnet. Die Farbe ist wiederkehrendes Element aller Marketingprodukte zur Ausstellung und wird darüber hinaus als raumbildendes Inszenierungsmittel eingesetzt. Farbe wird auch bei den beiden Folgeausstellungen auf diese Weise genutzt (Liebe: dunkelrot | Hoffnung: gelb).

Die Präsentation der Exponate baut strukturell auf dieser rechteckigen, farbig definierten Fläche auf. Die in den Raum gestellten, weißen Wandelemente grenzen den Bereich der Ausstellung ein und lassen gleichzeitig Durchgänge zum umlaufenden Gang. Die Wände bieten den acht Kunstwerken sowohl einen gemeinsamen als auch ihren je eigenen Raum. An der Stirnseite der Ausstellung – auf der Rückseite der Projektionswand aus dem Vorraum – hängt Michael Buthes großformatiges Werk Der Engel und sein Schatten (1974)4Michael Buthe: Der Engel und sein Schatten, 1974, Mischtechnik auf Papier, auf Gewebe aufgezogen, 250 x 370 cm, Sammlung Rosenstiel, Köln.. Es ist das einzige Bildwerk an dieser Schmalseite der Ausstellungsfläche. Zu seiner Linken ist in durch angewinkelte Wände eine Nische entstanden, in der Anna Oppermanns Installation Altarensemble (1976-77)5Anna Oppermann: Altarensemble, 1976-77, Installation, Mixed Media, variable Maße, Courtesy Nachlass Anna Oppermann und Galerie Barbara Thumm. gezeigt wird. Links davon befindet sich das älteste Kunstwerk der Ausstellung mit den kleinsten Ausmaßen: Louis Soutters Malerei The Empty Cross von 19396Louis Soutter: The Empty Cross, 1939, Tinte und Gouache auf Papier, 65 x 50 cm, Aargauer Kunsthaus, Aarau (Schenkung Betty und Hartmut Raguse-Stauffer).. Es hängt an der Rückseite einer Wand, die zusammen mit anderen Wandelementen einen eigenen Raum für Francis Alÿs Installation When Faith Moves Mountains, Lima, Peru, April 11 (2002)7Francis Alÿs: When Faith Moves Mountains, Lima, Peru, April 11, 2002, Installation, Mixed Media, variable Maße, Collection M HKA, Museum of Contemporary Art, Antwerpen. bereitstellt. Ebenfalls an einer seiner Außenwände hängt mit Angela Strassheims Untitled (McDonald’s) von 20048Angela Strassheim: Untitled (McDonald’s), 2004, C-Print, 101,6 x 127 cm, Angela Strassheim, New York. das jüngste Werk der Ausstellung. Dem Print direkt gegenübergestellt ist die Plastik 38 Teile in Form von 19 Zeichen für Tisch und 25 Buchstaben der Worte „Einmal im Leben“ von Harald Klingelhöller aus dem Jahr 19819Harald Klingelhöller: 38 Teile in Form von 19 Zeichen für Tisch und 25 Buchstaben der Worte „Einmal im Leben“, 1981, gewellter Karton, 110 x 502 x 195 cm, Collection Mudam Luxembourg, Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean, Luxemburg.. Diese beiden Werke sind sich eindeutig zugeordnet. Zwischen ihnen und Rupprecht Geigers OE 477/67 Gerundetes Gelb aus dem Jahr 196710Rupprecht Geiger: OE 477/67 Gerundetes Gelb, 1967, Öl auf Leinwand, 210 x 195 cm, Sammlung Lambrecht-Schadeberg / Rubenspreisträger der Stadt Siegen (im Museum für Gegenwartskunst Siegen). steht an der Schmalseite eines in die Ausstellungsfläche gestellten Wandelements Paul Theks Plastik Untitled (Self-Portrait) (1966/67)11Paul Thek: Untitled (Self-Portrait), 1966/67, Wachs, Acrylfarben, Holz, Metall, mit Eisenschrauben in Acrylglashaube befestigt, 56,2 x 32,1 x 39,4 cm, Lehmbruck Museum, Duisburg. Obwohl Dr. Corinna Otto Paul Theks Arbeit als zentralen Ankerpunkt für die Idee der Ausstellungstrilogie vorstellt, ist das Werk in der Ausstellung wenig präsent. Vgl. Interview mit Ideengeberin und Kuratorinnen, Hörstation Hintergründe in der Ausstellung Glaube, 19.05.-18.08.2019, Draiflessen Collection, Mettingen..

Angela Strassheim: Untitled (McDonald’s), 2004, C-Print, 101,6 x 127 cm, Angela Strassheim, New York.

Medial wird die Ausstellung üppig flankiert. Auf der Ausstellungsfläche befindet sich an jedem Kunstwerk eine Sitzbank, an der etwas abgesenkt ein Abreißblock befestigt ist, auf dessen DIN A4-großen Seiten je eine s/w-Abbildung des Kunstwerks sowie einen Kurztext in den drei Sprachen des Hauses gedruckt ist. Werkkennzeichnungen an den Wänden werden dadurch überflüssig. Auf der Ausstellungsfläche befindet sich außerdem ein langer Tisch mit Stühlen, auf dem eine Auswahl vor allem aktuellerer Literatur zu den KünstlerInnen oder zum Themenfeld Glaube ausliegt. Ein Element, das die Draiflessen Collection bei ihren Ausstellungen häufig nutzt. Die Kuratorin verweist damit auf die wissenschaftlichen Grundlagen der Ausstellung und stellt Verbindungen zu Ausstellungen ähnlichen Themas her.12z. B. der letztjährigen, groß angelegten Ausstellung Glaube Liebe Hoffnung. 800 Jahre Diözese Graz-Seckau, 13.04.-26.08.2018, Kunsthaus Graz | KULTUM – Kulturzentrum bei den Minoriten, Graz | Alte Galerie, Graz | Neue Galerie Graz | Volkskundemuseum (Universalmuseum Joanneum), Graz | Diözesanmuseum Graz. Außerhalb der Ausstellungsfläche stehen den BesucherInnen im umlaufenden Gang drei Hörstationen zur Verfügung. Je vier Sitzmöglichkeiten mit Kopfhörern in Nischen auf Rückwänden der Ausstellungsfläche bieten die Möglichkeit, Musik, Zitate oder ein Interview mit Hintergrundinformationen zur Ausstellung zu hören.

Zur Ausstellung erscheint ein außergewöhnlich designter, qualitativ wertiger und dreisprachiger Katalog mit einem Bildteil, der 16 farbige Abbildungen zu den gezeigten Kunstwerken enthält. Der Katalog ist für 29,00 € in der Draiflessen Collection erhältlich. Neben diesem Bildteil umfasst der erste Teil des Kataloges ein Vorwort sowie eine Einführung in die Ausstellung Glaube. Ein zweiter Katalogteil beinhaltet drei Aufsätze: Friedrich Wilhelm Graf führt aus theologischer Perspektive in die Geschichte des christlichen Glaubensbegriffs ein. Ausgehend von Angela Strassheims Untitled (McDonald’s) (2004) spannt die Kulturwissenschaftlerin Gabriele Werner in ihrem Beitrag das religiöse Glauben zwischen Angst und Sorge ein. Abschließend blickt die Kunsthistorikerin und Kuratorin Isabelle von Marschall auf das Verhältnis zwischen zeitgenössischer Kunst und Glaube als Begegnung auf Augenhöhe. Der Katalog ist ein vorbildliches Bespiel dafür, wie sehr das Ausstellungshaus bis hinein in den sprachlichen Bereich für Barrierefreiheit sorgt.

Die Draiflessen Collection ist einer der wenigen Orte in Deutschland, wo das Spannungsfeld Kunst und Theologie regelmäßig ausstellungspraktisch erprobt wird und bereichert damit das Feld bildtheologisch relevanter Auseinandersetzung mit bildender Kunst. Die Ausstellung Glaube beinhaltet acht aussagekräftige Kunstwerke von international bekannten Künstlerinnen und Künstlern des 20. und 21. Jahrhunderts. In diesem kleinen Rahmen versucht sie, möglichst facettenreich Dimensionen zur Reflexion von dem zu öffnen, was mit dem Begriff Glaube bezeichnet wird. Die Kuratorin wählt dazu die Auseinandersetzung mit ausschließlich moderner und zeitgenössischer Kunst und bezieht sich vorrangig auf einen westlich-europäischen Glaubensbegriff katholischer Prägung.

Harald Klingelhöller: 38 Teile in Form von 19 Zeichen für Tisch und 25 Buchstaben der Worte „Einmal im Leben“, 1981, gewellter Karton, 110 x 502 x 195 cm, Collection Mudam Luxembourg, Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean, Luxemburg.

Hoch anzurechnen ist der Ausstellung, dass sie Räume öffnet, in denen über den Zusammenhang von Kunst und Glaube nachgedacht werden kann. Die Auswahl und Präsentation der Arbeiten lässt dabei die kuratorische Entscheidung transparent werden, der Freiheit des Betrachtens Priorität zu geben. Glaube ist dann der inhaltliche Kern, um den herum sich dieses freie Betrachten entwickelt – das „Was glaubst du?“13Vgl. OTTO, CORINNA / BRENNINKMEIJER, MARTIN RUDOLF: Zur Trilogie Glaube, Liebe, Hoffnung und zur Auftaktausstellung Glaube, in: Draiflessen Collection (Hg.): Glaube – Faith – Geloof. Mettingen 2019, 1. Katalogteil, S. 5–7. der individuelle Ausgangspunkt des freien Betrachtens. Das bedeutet: Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Glaubensverständnis anhand des einzelnen Kunstwerks wird zur Aufgabe des einzelnen Besuchers bzw. der einzelnen Besucherin. Das Kunstwerk ist in diesem Prozess Stichwort- und Assoziationsgeber für ganz unterschiedliche und subjektiv-individuelle Facetten von Glaube. Die Ausstellung leistet damit, was in den einführenden Katalogtexten als ihr Anspruch deklariert wird.

Bei dieser Art der Versuchsanordnung ist jedoch die Gefahr groß, dass die BesucherInnen der Ausstellung auf einer naiven Reflexionsebene hängen bleiben. Besonders dort, wo der Bezug des Kunstwerks zum Thema Glaube scheinbar plakativ ist, werden sie zu Kurzschlüssen verführt. Die Ausstellung lässt das zu, weil sie die Werke als einzelne und unabhängige Perspektiven präsentiert, die sich in verschiedenen Bereichen auf dem weiten Themenfeld Glaube verorten lassen.14Vgl. SEGELKEN, BARBARA: Zur Trilogie Glaube, Liebe, Hoffnung und zur Auftaktausstellung Glaube, in: Draiflessen Collection (Hg.): Glaube – Faith – Geloof. Mettingen 2019, 1. Katalogteil, S. 17-28, hier 21. Die Kunstwerke stehen deshalb mehr nebeneinander als dass sie miteinander ausgestellt werden. Der Bezug zum gemeinsamen Thema Glaube wird weniger anhand der Exponate entwickelt, sondern primär von der offen gegliederten und farblich gekennzeichneten Ausstellungsfläche behauptet und medial (Hörstationen, Büchertisch, Führungen etc.) zusätzlich betont. Bezüge zwischen den Kunstwerken werden von der Ausstellung selbst kaum thematisiert. Nur oberflächlich befragen oder verorten die Exponate sich gegenseitig. Dabei wäre das Aufdecken dieser Beziehungen unbedingt notwendig, um allzu schnell gefällten Urteilen vorzubeugen. Dass dennoch auch tiefgreifendere Reflexionen zu Glaube möglich sind, liegt an der hohen Qualität der einzelnen Kunstwerke. Jedes Exponat ist für sich genommen eine starke und aussagekräftige Position, die auch für die Auseinandersetzung mit Glaube etwas bietet. Darauf verlässt sich die Ausstellung: Sie überträgt den Kunstwerken weitgehend die Verantwortung dafür, wie die BesucherInnen das Thema Glaube bearbeiten.

In gleichem Maße, in dem die Ausstellung das jeweilige Kunstwerk in die Pflicht nimmt, verpflichtet sie deshalb auch die einzelne Betrachterin bzw. den einzelnen Betrachter. Zwar gibt die Ausstellung das Thema Glaube vor, sie schützt sich aber gleichzeitig davor, das Themenfeld Glaube selbst intensiver bearbeiten zu müssen. Die Ausstellung setzt stattdessen bei dem individuellen Glaubensverständnis der bzw. des Einzelnen an. Die Gefahr ist groß, dass Glaube in dieser Vereinzelung zu einem Begriff für etwas degradiert wird, aus dem jede/r machen kann, was sie/er will.

Daran zeigt sich: Die Ausstellung hat in größerem Ausmaß Vorbehalte gegenüber ihrem eigenen Thema. Ein Grund dafür wird von den Kuratorinnen indirekt benannt und ist durchaus nachvollziehbar. Sie weisen im Interview in der Hörstation Hintergünde darauf hin, dass sich institutioneller Leihverkehr besonders dann schwierig gestaltet, wenn den Kunstwerken durch das Thema der Ausstellung eine religiös-spirituelle Vereinnahmung droht. Um den modernen und zeitgenössischen Kunstwerken ihre Freiheit vom Wertesystem des christlichen Glaubens und vor allem von lehramtlichen Definitionen zu lassen – ihnen keinen religiösen Stempel aufzudrücken – wird der Bezug zum Thema Glaube von der Ausstellung wohl auch deshalb absichtlich vage gehalten: Es sollen Räume eröffnet werden, in denen über Glaube nachgedacht werden kann.

Dazu wäre es nötig, der Kunst im Thema Glaube einen echten Sparringspartner gegenüber zu stellen.15Eine lesenswerte Einführung zum christlichen Glaubensbegriff finden Sie unter: https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/100062/ (zuletzt aufgerufen am 01.09.2019; 13:05 Uhr). Die Ausstellungsmacherinnen haben erkannt, dass eine von ihnen vorgegebene Glaubensdefinition das nicht leisten kann und dass die Platzierung von Antworten nicht der adäquate Umgang mit Kunst und Glaube sein können. Aus bildtheologischer Perspektive wäre es nun Aufgabe einer solchen Ausstellung, diese Räume als offene Problemfelder vorzustellen. Am Kunstwerk würde dabei begründet, inwiefern ein (christlicher) Glaubensbegriff durch es befragt, konfrontiert, entwickelt etc. wird. Welche Facetten (christlichen) Glaubensverständnisses werden durch die Position des Kunstwerks wie angesprochen? Doch statt ausdrücklich jene Dimensionen von Glaube ins Spiel zu bringen, mit denen die Kunstwerke sich auseinandersetzen, verlässt sich die Ausstellung mehr auf die individuellen Glaubensdefinitionen, mit denen die BesucherInnen die Draiflessen Collection betreten. Eine zupackende (bild-)theologische Reflexion der ausgestellten Exponate bleibt deshalb leider sowohl in der Ausstellung als auch in den drei Texten des zweiten Katalogteils aus.

Eine thematisch vergleichbare Ausstellung, die diese Herausforderung aus theologischer Perspektive deutlich konsequenter anging, war die von Katrin Bucher Trantow, Johannes Rauchenberger und Barbara Steiner kuratierte, groß angelegte Schau Glaube Liebe Hoffnung. 800 Jahre Diözese Graz-Seckau, die vom 13.04.-26.08.2018 an mehreren Orten in Graz stattfand.16Vgl. STEINER, BARBARA / BUCHER TRANTOW, KATRIN / RAUCHENBERGER, JOHANNES (Hg.): Glaube Liebe Hoffnung. Zeitgenössische Kunst reflektiert das Christentum [Kat. Ausst. Glaube Liebe Hoffnung. 800 Jahre Diözese Graz-Seckau, 13.04.-26.08.2018, Kunsthaus Graz | KULTUM – Kulturzentrum bei den Minoriten, Graz | Alte Galerie, Graz | Neue Galerie Graz | Volkskundemuseum (Universalmuseum Joanneum), Graz | Diözesanmuseum Graz] (ikon. Bild + Theologie). Ferdinand Schöningh: Paderborn 2018. Ein Vergleich der Mettinger Ausstellungstrilogie mit der Vorjahresausstellung in Graz scheint wegen der deutlich unterschiedlichen Größenordnungen beider Ausstellungsformate kaum sinnvoll. Und dennoch orientiert sich die Draiflessen Collection stark am Konzept des Grazer Ausstellungsprojekts: Glaube, Liebe, Hoffnung in der Auseinandersetzung mit moderner und zeitgenössischer Kunst.

Glaube – die erste Ausstellung aus der aktuell laufenden Trilogie der Draiflessen Collection Mettingen – ist vor allem wegen der qualitativ hochwertigen und sorgsam ausgewählten Exponate sehenswert. Die Kuratorin hat eine kleine Auswahl zusammengestellt und erreicht damit die Ziele, die das Ausstellungskonzept formuliert. Um allerdings von den Kunstwerken ausgehend das reflektieren zu können, was mit dem Begriff Glaube bezeichnet wird, wird den BesucherInnen eine hohe Eigenleistung abverlangt. Inwiefern dieser Befund auch auf die kommenden Ausstellungen der Reihe Glaube, Liebe, Hoffnung zutrifft, wird abzuwarten sein.

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Bildrechtliche Angaben

  1. Michael Buthe: Der Engel und sein Schatten, 1974, Mischtechnik auf Papier, auf Gewebe aufgezogen, 250 x 370 cm, Sammlung Rosenstiel, Köln. | © Sammlung Rosenstiel, Köln / VG Bild-Kunst, Bonn, 2019 | © Foto: Friedrich Rosenstiel.
  2. Angela Strassheim: Untitled (McDonald’s), 2004, C-Print, 101,6 x 127 cm, Angela Strassheim, New York. | © Angela Strassheim, New York.
  3. Harald Klingelhöller: 38 Teile in Form von 19 Zeichen für Tisch und 25 Buchstaben der Worte „Einmal im Leben“, 1981, gewellter Karton, 110 x 502 x 195 cm, Collection Mudam Luxembourg, Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean, Luxemburg. | © Collection Mudam Luxembourg, Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean | © Foto: Aurélien Mole.
Kristin Riepenhoff © Foto: Stephan Kube
Kristin Riepenhoff

Dr. Kristin Riepenhoff ist wissenschaftliche Projektmitarbeiterin an der Arbeitsstelle für christliche Bildtheorie, theologische Ästhetik und Bilddidaktik sowie Assistentin des Studienmanagers im Studienbüro der Katholisch-Theologischen Fakultät an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Sie absolvierte ihr Studium in Münster und wurde dort 2019 auf Grundlage einer interdisziplinär angelegten Dissertation mit dem Titel Herrliche Schwere. Bildkonzepte der Herrlichkeit Gottes nach Kunstwerken von Richard Serra promoviert.